Die Autoindustrie will einfach nicht

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Die Autoindustrie will einfach nicht

Sie will sich nicht verändern, nicht aufarbeiten, nicht zukunftsfähig werden. Dieser Eindruck verfestigt sich seit dem Dieselskandal immer mehr. Man sieht das zum Beispiel daran, wie die Konzerne mit ihrem Cheflobbyisten Matthias Wissman umgehen, der dem Verband der Automobilindustrie (VDA) vorsteht.

Der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Verkehrsminister zieht als Interessenvertreter nun seit zehn Jahren die Strippen für die Autobosse. Und, das muss man mal so sagen, er macht seinen Job gut. Denn in den zurückliegenden Jahren hat noch jede Regierung – ob CDU, SPD oder grün geführt – schützend ihre Hand über die Autobauer gehalten: In Brüssel, wo es um schärfere Abgasgrenzwerte oder CO2-Ziele ging, bei Steuerprivilegien oder nun im gerade tobenden Industrieskandal. Wissmann war an der Organisation der Rückendeckung von ganz oben maßgeblich beteiligt und warf sich für seine Verbandsmitglieder stets in die Bresche. Erst letzte Woche machte er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Deutschland „grün lackierte Autofeinde“ aus, die die ganze Branche in eine Abwärtsspirale hineinredeten.

Doch Ende Juli waren von ihm ganz kurz einmal andere Töne zu hören. Damals war gerade das Betrugskartell der großen Hersteller aufgeflogen, die sich offenbar über Jahre hinweg zu technischen Entwicklungen, Preisen und auch Methoden der Abgasreinigung abgesprochen hatten, um sich nicht gegenseitig in die Quere zu kommen oder gar so etwas wie marktwirtschaftlichen Wettbewerb entstehen zu lassen. Wissmann forderte, die Branche brauche nun mehr Selbstreflexion und müsse sich offener kritischen Fragen stellen, ein „Kulturwandel“ sowie eine „Null-Fehler-Toleranz“ sei notwendig. Auch mal Fehler eingestehen, spätestens dann, wenn es ohnehin nicht mehr anders geht, gehört zu einer klugen Kommunikationsstrategie. Doch selbst das ging den Konzernchefs schon zu weit. Daimler-Chef Dieter Zetsche stellte fest: „Ich bin überrascht von der Stellungnahme von Herrn Wissmann.“ Prompt war von seiner Ablösung an der VDA-Spitze die Rede.

Zwar haben sich die Wogen seitdem wieder etwas geglättet. Doch die Episode spricht Bände über das Selbstverständnis der Autokönige. Aufarbeitung oder gar Veränderungswille sind in Wolfsburg, Zuffenhausen oder Stuttgart jedenfalls noch immer nicht zu erkennen.

Das gleiche Bild zeigt sich auf der Automesse IAA, die am Donnerstag – natürlich von der Bundeskanzlerin persönlich – eröffnet wurde. „Zukunft erleben“ lautet das Motto. Ein Kollege vom Spiegel schrieb passenderweise, „Größenwahn bestaunen“ ginge auch. Denn in Frankfurt sind wieder einmal jede Menge geländegängige SUVs zu bestaunen und sie werden immer protziger. BMW bietet den X7 Concept mit sechs Sitzen und dem vielleicht groteskesten Kühlergrill aller Zeiten auf, die VW-Tochter Bentley, die seit letztem Jahr ebenfalls Geländewagen im Angebot hat, den Bentayga mit 608 PS, mehr als fünf Metern Länge und 2,4 Tonnen Leergewicht, und selbst Ferrari will den Unternehmenserfolg nicht mehr länger nur den Sportwagen überlassen. Die Marktlücke sei „zu groß und zu einladend“, um sie nicht zu stopfen, wurde Unternehmensboss Sergio Marchionne jüngst zitiert.

Und da kommen wir ins Spiel: Die Autokonzerne präsentieren trotz Klimawandel und Dieselkrise nicht nur deshalb munter weiter große Geländewagen auf den Messen, weil sie allesamt den Wandel verschlafen, sondern weil sie weiterhin die Kundenlieblinge sind. Kritik an der Modellpolitik und dem Geschäftsgebahren der Hersteller bleibt solange argumentativ dünn (und für die Konzerne bequem), wie ihre Fahrzeuge weiterhin gekauft werden. Denn die spritschonenenden und klimafreundlichen Alternativen, die der Verkehrsclub Deutschland VCD (nicht zu verwechseln mit Wissmanns Truppe VDA) jüngst vorstellte, sind allesamt Ladenhüter.

 

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VCD Autoumweltliste – Fakten & Tipps für Verbraucher

Quelle: Text Greenpeacemagazin | Kurt Stukenberg, Chefredakteur

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