Engagement für nachhaltiges Handeln seit fast 60 Jahren

Interview mit Annemarie Börlind - Natural Beauty

Engagement für nachhaltiges Handeln seit fast 60 Jahren

Aufgrund zahlreicher Anfragen von Lesern, die sich mit der Palmöl-Problematik beschäftigen, will Umweltblick in Zusammenarbeit mit Unternehmen für mehr Transparenz und Klarheit sorgen. Denn, viele wissen nicht, wie sieht es wirklich mit dem Einsatz von Palmöl oder Palmkernöl z.B. bei der Kosmetik-Herstellung aus? Wie reagieren Unternehmen auf die Palmölproblematik und welche Ziele setzen sie sich? Insbesondere die Unternehmen, deren Firmenphilosophie in erster Linie auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist?

Da der Einkaufsführer Produkte ohne Palmöl von Umweltblick Ende diesen Jahres 5 Jahre alt wird, habe ich beschlossen Unternehmen zu interviewen, die mit Ihren Produktlisten im Einkaufsführer vertreten sind, wie das Unternehmen Annemarie Börlind - Natural Beauty.

Warum kann man auf Palmöl nicht einfach verzichten? Welche Alternativen gibt es wirklich? Worauf sollten Verbraucher achten? Und welchen Weg geht ein Unternehmen, wie Annemarie Börlind? Frau Silva Imken, Leiterin der Unternehmenskommunikation von Annemarie Börlind beantwortete mir in einem sehr ausführlichen Interview viele Fragen, die nicht nur ich hatte, sondern auch viele meiner Leser haben.

Wie entstand die Marke ANNEMARIE BÖRLIND?

Die Entstehung geht auf die Firmengründerin und Pionierin der Naturkosmetik, Annemarie Lindner, zurück, die schon in den 50er-Jahren zur Linderung ihrer Hautprobleme auf natürliche Wirkstoffe setzte. Hieraus entstand 1959 die Naturkosmetikmarke ANNEMARIE BÖRLIND – Natural Beauty mit Sitz in Calw, im Schwarzwald

Wofür steht die Marke ANNEMARIE BÖRLIND?

Seit ihrer Gründung steht die Marke ANNEMARIE BÖRLIND für nachweislich wirksame Naturkosmetik, die durch innovatives und nachhaltiges Handeln aus einzigartigen Rohstoffen entwickelt wird. Die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft werden genutzt, um mit zukunftsweisender Forschung das verborgene Potenzial der Natur zu entdecken. Die Produkte mit Pflanzenextrakten aus ökologischem Anbau (kbA) werden in Calw, im Schwarzwald, hergestellt. Dort gewinnen wir auch unser eigenes Tiefenquellwasser, das für die Herstellung unserer Naturkosmetikprodukte verwendet wird.

In unserer Philosophie sind gelebte Wertigkeit, der verantwortungsvolle Umgang mit der Natur und der wissenschaftliche Pioniergeist fest verankert. Diese drei Eckpfeiler prägen unser Denken, unser tägliches Handeln und natürlich auch unsere Produkte. Mit unserer Produktpalette gehen wir auf die unterschiedlichen Hautpflegebedürfnisse ein. Unser Prinzip basiert auf der Systemkosmetik: Wir bieten für jeden Hauttyp die entsprechenden Pflegeserien an. Zu jeder Pflegeserie gehören die Pflegeschritte "Reinigen", "Stärken und Befeuchten", "Schutz für den Tag", "Pflege für die Nacht" und "Spezialprodukte". Wichtig ist uns, dass wir mit den Wirkstoffen aus der Natur tatsächlich Wirkung erzielen. Das lassen wir uns auch durch Hauttests bestätigen.

Ist das Thema „Nachhaltigkeit“ für ANNEMARIE BÖRLIND von Bedeutung?

Absolut! Unsere nachhaltige Unternehmensführung wird durch das CSE (Certified Sustainable Economics) Siegel bestätigt. Überdies wurden wir als „Green Brand“ ausgezeichnet und erhalten regelmäßig Auszeichnungen für unser nachhaltiges Engagement. Bezüglich der Zertifizierung haben wir uns bewusst für die CSE-Zertifizierung entschieden. Dieses Siegel steht für eine verantwortliche ökologische, sozial integrierte und qualitätsorientierte Unternehmensführung. Hierbei wird nicht nur das hergestellte Produkt bewertet, wie es bei den meisten Labels der Fall ist. Es berücksichtigt auch, dass wir beispielsweise beim Rohstoffeinkauf darauf achten, dass dieser unter fairen Arbeitsbedingungen, gerechter Entlohnung und ohne Kinderarbeit gewonnen wird.

Warum ist Börlind Mitglied im FONAP und wie profitiert Ihr Unternehmen davon?

Naturkosmetik und Nachhaltigkeit sind per se eng miteinander verbunden. Der verantwortungsvolle Umgang mit der Natur ist in unserer Philosophie fest verankert. Zudem sind wir als nachhaltig zertifiziertes Unternehmen verpflichtet, keinen Raubbau an der Natur zu betreiben. Wir selbst setzen in unseren Produkten weder Palmöl noch Palmkernöl ein, dennoch ist es uns ein Anliegen, dass sich in allen Industriezweigen der Einsatz von 100% zertifiziertem Palmöl durchsetzt. Und bei den Derivaten kommen auch wir unweigerlich mit Palmöl in Berührung. Doch hier stoßen wir in punkto Zertifizierung an unsere Grenzen. Aufgrund der komplexen Verarbeitungsmethoden und Lieferkettenverfolgbarkeit ist es nicht immer möglich, Derivate in zertifizierter Form zu erwerben. Wäre am Weltmarkt nur noch 100% segregiertes, zertifiziertes Palmöl verfügbar, würde auch die Beschaffung nachhaltiger Palmöl-Derivate keine Herausforderung mehr darstellen. Durch das FONAP erhoffen wir uns, einen stärkeren Druck auf die Lieferanten ausüben zu können, so dass künftig auch bei den Derivaten eine 100%ige Zertifizierung möglich ist. Im Moment ist die Transparenz der Lieferkette leider noch nicht gegeben, doch bemerken wir bereits, dass dem Thema durch die Aktivitäten des FONAPs grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Was genau ist das FONAP?

Das Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP) ist ein Zusammenschluss des Bundeministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) mit Privatunternehmen, Nichtregierungsorganisationen und Verbänden, um einen Dialog über die Praktiken im Palmölsektor zu ermöglichen. Ziel des FONAP ist es, den Anteil an zertifiziertem Palmöl auf dem deutschen, österreichischen und Schweizer Markt maßgeblich zu erhöhen und so zum Erreichen von Tipping Points in verschiedenen, palmölverarbeitenden Sektoren beizutragen. Die derzeit 43 Mitglieder des Forums (Stand August 2016) haben eine öffentliche Selbstverpflichtung abgegeben, ausschließlich nachhaltig produziertes Palm- und Palmkernöl zu verwenden.

Was ist der Unterschied zwischen dem FONAP und dem RSPO?

Das FONAP unterscheidet sich grundlegend vom RSPO: Es ist kein Standard und nimmt keine Zertifizierung vor. Die Mitglieder des FONAP geben lediglich eine öffentliche Selbstverpflichtung ab, nur noch nachhaltig produziertes Palmöl zu verwenden. Neben dem RSPO Standard gibt es auch noch andere Nachhaltigkeit- Standards (z.B. Rainforest Alliance, ISCC Plus), welche ebenfalls vom FONAP akzeptiert werden. Das FONAP setzt sich dafür ein, dass die bestehenden Standards weiter verbessert werden. Hierzu ist eine koordinierte und gemeinsame Vorgehensweise notwendig, um auch den Produzenten ein deutliches Signal zu senden, dass weitere Verbesserungen von den Käufern nachgefragt werden. Dies insbesondere auch vor dem Hintergrund das bislang nur 50% des zertifizierten Palmöls überhaupt gekauft wird.

Wie groß ist die Chance, dass der RSPO sich weiter verbessert?

Es gibt im RSPO und unter seinen Mitgliedern viele Diskussionen. Einige Unternehmen haben sich u.a. mit Greenpeace und dem WWF in der Palm Oil Innovators Group zusammengeschlossen. So machen sie deutlich, dass sie den RSPO zwar als Grundlage nutzen, aber freiwillig weitere Zusatzanforderungen umsetzen. Dies ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Allerdings besteht nach wie vor das Problem, dass große Mengen des zertifizierten Öls überhaupt nicht gekauft werden. Nur durch gemeinsames und aktives Vorgehen, also weitere Mengen zertifizierten Öls überhaupt einmal zu kaufen, wird es möglich sein, die Produzenten zu weiteren Verbesserungen zu bewegen.

Was macht Börlind um die Selbstverpflichtung des FONAP umzusetzen?

Wir führen seit Langem Gespräche mit unseren Lieferanten, um die FONAP Selbstverpflichtung 2016 in Bezug auf die Derivate - sprich 25 Prozent zertifizierte Derivate -, zu erreichen. Und natürlich soll dieser Anteil weiterhin steigen. Die Selbstverpflichtung sieht einen Anteil von 50 Prozent im Jahr 2017 und 100 Prozent bis zum Jahr 2020 vor.

Wieso setzt Börlind nicht auf Alternativen zu Palmöl?

Wir verwenden in einigen unserer Produkte Palmöl-Derivate (wie z.B. Glyceryl-, Sucrose- oder Ascorbyl-Palmitate). Diese sind sowohl in der Naturkosmetik als auch bei anderen Unternehmen gängige Inhaltsstoffe, die als natürliche Emulgatoren, Konsistenzgeber und Stabilisatoren eingesetzt werden. Diese Hilfsstoffe sind in der Kosmetikherstellung erforderlich. So bedarf es beispielsweise Emulgatoren für die Herstellung einer Emulsion, da sie eine einheitliche Dispersion von nicht mischbaren Substanzen wie Wasser und Öl ermöglichen. Bei neuen Rezepturen können wir Palmölderivate zum Teil sogar umgehen, doch bei bereits bestehen Rezepturen, lassen sich die Derivate die sich z.B. in Emulgatoren wiederfinden, nicht so einfach ersetzen. Dies hätte Einflüsse auf die Konsistenz und Stabilität der Creme. Und natürlich würde bei einem Austausch die Kundin nicht mehr das ihr vertraute Produkt bekommen. Dies wäre auch der Fall, würde man einen Emulgator verwenden, der keine Fettsäuren auf Basis von Palmöl sondern z.B. Kokosöl enthält. Zudem würde der Wechsel von Palmöl auf ein eine andere Ölsaat das Rohstoffproblem nur verlagern und neue Monokulturen lancieren, die allein schon aufgrund der schlechteren Ertragskraft (Palmöl bis zu 7 t/ha, Sonnenblumen und Raps max. 2 t/ha) abzulehnen sind.

Wie hoch ist der Anteil an Palmöl in der kosmetischen Industrie?

Laut aktueller WWF-Studie werden weltweit rund 60 Mio. t Palmöl und Palmkernöl produziert. Auf Deutschland entfallen ca. 1,8 Millionen Tonnen. Der größte Anteil fließt dabei in die Bioenergie sowie in Nahrungsmittel (inkl. Futtermittel). Der Anteil, der in Form von z.B. Tensiden in Körperpflegemittel und Kosmetika (außer Seifen) fließt, liegt bei ca. 22.000 Tonnen.

Welche Zukunftsvision hat Börlind im Beriech Nachhaltigkeit/Palmöl?

Es ist unser Wunsch, dass der Einsatz von nicht-zertifiziertem Palmöl, Palmkernöl oder Derivaten zu einem absoluten "No Go" wird. Und natürlich erhoffen wir uns, die vom FONAP gesetzten Ziele, bestenfalls noch vor den geplanten Jahren zu erreichen.

Was können die Verbraucher tun?

Die Verbraucher in Deutschland und Europa können ihren Beitrag leisten, indem sie darauf achten, wenn sie Produkte kaufen, die Palmöl enthalten, insbesondere die Produkte zu kaufen, für die nachhaltig angebautes Palmöl verwendet wird. Nachhaltig angebaut bedeutet in diesem Fall zertifiziert. Nur wenn die Nachfrage nach zertifiziertem Palmöl steigt, kann der Anbau von Ölpalmen nachhaltig gestaltet werden.

Was versteht man unter einem nachhaltigen Anbau?

Die Herausforderung eines nachhaltigen Anbaus besteht darin, die Natur so wenig wie möglich zu beeinträchtigen, dabei aber gleichzeitig den größtmöglichen Ertrag zu erzielen. Wichtig für eine nachhaltige Produktion von Palmöl ist, dass die für den Anbau genutzten Flächen nicht zu Lasten der Umwelt umgewandelt werden. Um die Kohlenstoff-Freisetzung zu minimieren, sollte dieser ausschließlich auf brachliegenden oder landwirtschaftlich nutzbaren Flächen erfolgen. Hier stehen vor allem die Regierungen in den Anbauländern in der Pflicht, das Problem der Landnutzung zu regeln.

Frau Imken, haben Sie vielen Dank für das ausführliche Interview und die Mühe, die Sie sich gemacht haben meine Fragen zu beantworten und behilflich sind, für mehr Transparenz beim Verbraucher zu sorgen.

Weiterführende Links

Annemarie Börlind im Einkaufsführer Produkte ohne Palmöl

Quellen: Alle Fotos ©Annemarie Börlind

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